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Vom Hörsaal in die Höhe: Dach ist ein tolles Studienfach! Warum nicht Studienabbrecher als Auszubildende gewinnen?

Sach- und Fachthemen   |   27/02/24

Im Februar endet an den meisten Universitäten und Hochschulen für Angewandte Wissenschaften die Wintersemester-Vorlesungszeit. Und wie in jedem Semester endet für eine nicht eben kleine Zahl von Studierenden dann sogar das Studium – vorzeitig und ohne Abschluss: Sie brechen ab. Die Quote hierzulande ist relativ hoch. Sie beträgt rund ein Drittel, mit Unterschieden je nach Hochschulart und Studiengang. Die Gründe sind vielfältig und reichen von persönlichen Leistungs- und Motivationsproblemen über Unzufriedenheit mit Studieninhalten bis hin zu finanziellen und familiären Einflussfaktoren. Erstaunlich und erfreulich hoch ist der Prozentsatz derjenigen, die es aus der Welt der Theorie dringend in die Praxis zieht. „Diese Studienabbrecher vermissen im Studium den Berufs- und Praxisbezug, sie verspüren den Wunsch nach einer praktischen Tätigkeit und wollen so schnell wie möglich Geld verdienen“, heißt es in einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung: „15% aller Studienabbrecher beenden ihr Studium in erster Linie deshalb, weil sie einen dieser drei Gründe für sich in Anspruch nehmen […] fast drei Viertel räumen den entsprechenden Gründen zumindest eine große Rolle für den Abbruch ein“.

 

Dass der Praxisbezug bei drei Vierteln der Abbrüche DAS oder EIN Motiv ist, bedeutet fürs Handwerk Personal-Potential. Denn wer aussteigt, um sich der Praxis zuzuwenden, bringt natürlich eine wichtige Voraussetzung mit, vielleicht gerade in einem Handwerksberuf beruflich so richtig glücklich zu werden. Die Kammern und weitere Institutionen haben das erkannt, beraten und fördern Wechselwillige entsprechend. Jede/r Zehnte entscheidet sich dann tatsächlich für eine Handwerksausbildung. Von diesen wählen immerhin fünf Prozent die Dachdeckerei, berichtete vor einigen Jahren das Fachmagazin „dach+holzbau“ über ein einschlägiges Projekt in Münster. Woanders dürften die Zahlenverhältnisse vergleichbar sein. Erst einmal erscheint diese Nachfrage gering. Aber angesichts der Tatsache, dass Deutschlands Handwerk insgesamt 130 Handwerksberufe zu bieten hat, ist der Anteil der Dachdeckerei eigentlich ausgesprochen gut!

 

Was kann man als Betrieb tun, um an diesem Trend teilzuhaben und junge Menschen anzusprechen, die an ihrem Studium zweifeln, sich exmatrikulieren wollen oder sogar schon abgebrochen haben? Zu Arbeitsagentur, Handwerkskammer und Innung Kontakt aufzunehmen und sich nach einschlägigen „Aussteigerprogrammen“ zu erkundigen, gehört ganz sicher zu den ersten Schritten. Je nach Region gibt es sogar Projekte, in die man sich einspleißen kann. Zudem gibt es vom Staat geförderte Aktionen wie die „Thementage Studienzweifel“ in NRW oder „Quickstart“ in Sachsen. Wegen der von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen Angebote kann kein Patentrezept für alle Standorte gegeben werden. Am besten nimmt man im eigenen Kammer- bzw. Innungsbezirk Kontakt zu den genannten Institutionen auf. Auf der Website des www.bmbf.de kann man sich außerdem zur ersten Orientierung die Broschüre „Studienabbrecher als Auszubildende ins Boot holen“ herunterladen.

 

Eine weitere nützliche Maßnahme: Studenten Arbeits- und Kennenlernmöglichkeiten in Form von Semesterferienjobs bieten. Hier muss man nicht nur an die Zielgruppe mit konkreten Abbruchwünschen denken. Schließlich kann auch aus einer Beschäftigung, die ursprünglich nur als Job oder erlaubter BAföG-Nebenverdienst gedacht war, ein Berufswunsch werden. Praktika sind eine weitere gute Gelegenheit, den Betrieb unverbindlich für Studierende zu öffnen. Nicht nur bei Praktikums- und Jobangeboten für Studierende gilt allerdings, dass man auf jeden Fall ein durchdachtes Konzept dafür haben sollte, einen Fahrplan. Wo die jungen Leute nur eine Kombination aus Schulterblick und Handlangerdiensten erwartet, werden sie keinesfalls gern bleiben.

 

Einige Betriebe suchen parallel zu anderen Personalmarketingmaßnahmen sogar ganz gezielt nach Studienaussteigerinnen und -aussteigern, weil diese andere Vorkenntnisse und Erfahrungen, Methoden und Fähigkeiten mitbringen als Bewerberinnen und Bewerber, die direkt aus der Schule kommen. Studienabbrecher sind älter und reifer, aber dadurch eben zum Beispiel auch versierter in Mathe, viele bringen bereits einiges an technischem Verständnis und viel Selbstständigkeit mit. Auch dass die ehemaligen Studierenden gern mal etwas in Frage oder sogar auf den Kopf stellen, ist willkommen. Das sorgt für neue Ideen und Impulse, kann sogar mit zu Qualitätsverbesserungen beitragen. Last but not least: Wer mutig wechselt und sich neuen Herausforderungen stellt, macht aus einer Krise eine Chance. So jemand hat man doch gern im Team, oder? „Diese jungen Leute sind gescheit, nicht gescheitert“, sagen Personalfachleute. Den Spruch sollte man sich merken.



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